Warum die Ärmsten?

Warum setzt sich die Microcredit Campagne für die Ärmsten und nicht für die Armen, ganz allgemein ein? Gibt es nicht auch hier den Trickle-Down-Effekt?

Die Erfahrungen in Bangladesh haben leider gerade das Gegenteil bewiesen: haben sich die weniger Armen aus der Armut befreit, verhalten sie sich eher wie die Reichen und treten in einen ehrgeizigen Wettkampf mit diesen. Sie wollen nie wieder arm werden und schauen, wenn überhaupt, nicht nach unten oder abfällig auf sie herab. Diese Haltung ist auch in Deutschland aus der Zeit der Weimarer Republik bekannt. Die zahlreichen „Raffke-Witze“ geben beredten Ausdruck über diese Einstellung der „Neureichen“ und „Kriegsgewinnler“.

Extreme Armut führt zum Hungertod. Die Weltbank und andere Entwicklungshilfe-Institutionen haben nach Maßstäben gesucht, um extreme und relative Armut zu definieren. Auf jeden Fall sind Analphabeten absolut arm; unter ihnen sind besonders Frauen und Landlose, von Wucherern abhängige, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen. Sie sind aber auch gleichzeitig diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Oft sind es die von ihren Männern mit vielen Kindern zurückgelassene, durch Gewalt oder durch Säure entstellte Frauen. Sie haben nichts als ihre eigene Kreativität und haben es gelernt, sich und ihre Kinder durchzubringen. Sie haben sich als wahre Lebenskünstlerinnen erwiesen, denn auch wenn sie nicht lesen und schreiben und rechnen gelernt haben, sagt das nichts über ihre Intelligenz und ihren Überlebenswillen aus. Im Gegenteil: ihre Motivation ist gerade durch diese widrigen Lebensumstände besonders hoch und braucht im Grunde nur die Starthilfe und die Unterstützung und kritische Begleitung der Gruppe der Gleichbetroffenen. Eine Bank, die zu den Armen geht, braucht jedoch andere Mitarbeiter als solche, die hinter Marmorfassaden und gepanzerten Bankschaltern arbeiten und nichts als ihre Karriere, ihren Profit und ihre Prämien im Blick haben.

Wichtig bei der Vergabe von Kleinstkrediten ist jedoch, dass sie kurzfristig zurückzuzahlen sind. Andernfalls ist die Kreditwürdigkeit der Kunden nicht gewährleistet und die Solidarität der Gruppenmitglieder unzumutbar.

Zitate von Experten

Vor 20 Jahren entdeckte Prof. Yunus, dass man durch die Gewährung von Kleinstkrediten an die Ärmsten auf unserem Planeten etwas zuwege bringen konnte, was man mit Milliarden Dollar an Auslandshilfe nicht hatte erreichen können... eine Bank, die sich selbst entwickelte und jene Instrumente zur Selbsthilfe bereitgestellt hat, dank deren zwölf Millionen Bangladeshis, also etwa 10 % der Bevölkerung seines Landes, der Armut entkommen konnten....die Geschichte einer Revolution des Kleinstkredits, die den Armen in inzwischen über) 60 Ländern – darunter China, Südafrika, Frankreich, Norwegen, Kanada und die USA – geholfen hat, eigenverantwortlich tätig zu werden und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen...eine große Vision, wie die Erde noch zu unseren Lebzeiten von der Plage der Armut befreit und eine Zukunft aufgebaut werden kann, in der der sozialen Gerechtigkeit wieder ihre volle Geltung verschafft wird. (Jean-Claude Lattès. 1997)

Jede Entwicklungshilfe müsste dem Zweck dienen, die Armut unmittelbar auszumerzen. Der Begriff Entwicklung sollte im Zusammenhang mit den Menschenrechten ...gesehen werden...man müsste darunter eine konkrete Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der ärmsten Hälfte der Bevölkerung in einem Land verstehen...Es kommt darauf an, die wirtschaftliche Entwicklung am Realeinkommen der ärmsten Hälfte seiner Bevölkerung zu messen...(Muhammad Yunus. 1997)

Das Kleinstkredit-Programm hat die Dynamik der Marktwirtschaft in die Dörfer und zu den ärmsten Bevölkerungsteilen der Erde gebracht. Dieses kommerzielle Vorgehen gegen die Armut hat es Millionen Menschen ermöglicht, sich in Würde aus ihrem Elend zu befreien....Die Aufgabe der Weltbank besteht ab sofort darin, die Zahl der Menschen, die in absoluter Armut leben (deren Einkommen also unter einem Dollar pro Tag liegt), bis zum Jahr 2015 auf die Hälfte zu reduzieren. (James Wolfensohn. 1998)

Wenn Menschen als „absolut Arm“ gelten, die weniger als 1 Dollar pro Tag zur Verfügung haben, dann ist die Zahl der absolut Armen nach Schätzungen der Weltbank bis zur Jahrtausendwende auf knapp 1,2 Milliarden angestiegen... die Definition der absolut Armen sagt jedoch wenig darüber aus, was 1 Dollar pro Tag an Lebensqualität bedeutet... Hans Jochen Diesfeld (1989), der Mentor der deutschen Gesundheitshilfe, konstruierte eine Armutsspirale, die den Merksatz belegt: Wer arm ist, wird eher krank und hat weniger Chancen, wieder gesund zu werden, ist anfälliger für Infektionskrankheiten und umweltbedingte Krankheiten, die vor allem der mangelnden Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung geschuldet sind...(Prof. Franz Nuscheler.2004)